EM für den gebürtigen Polen etwas ganz besonderes

Niemand spielte in der Löw-Ära öfter für Deutschland: Lukas Podolski ist eine feste Größe im DFB-Team.
Die Dinge haben sich grundlegend verändert, jetzt, da er in sein fünftes großes Turnier startet. Das merkt Lukas Podolski schon am Ankunftstag auf Sardinien, als er neben André Schürrle, Marc-André ter Stegen, Julian Draxler, Lars Bender, Benedikt Höwedes und Ron-Robert Zieler aus dem Flugzeug steigt. Neben all den Turnier-Frischlingen wirkt Podolski wie ein Nationalmannschafts-Dino. Einer, der Frau und Kind mit ins sogenannte Regenerations-Trainingslager mitgenommen hat wie sonst nur noch Miroslav Klose und Cacau, die Team-Senioren, die ihre letzte EM, vielleicht sogar ihr letztes großes Turnier bestreiten.
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Davon kann bei Podolski keine Rede sein. 27 wird er in knapp zwei Wochen, er ist im besten Fußballer-Alter und - noch eine Veränderung gegenüber den vergangenen Turnieren - schon jetzt in ansprechender Form. Er hat seine beste Bundesliga-Saison hinter sich, auch wenn man das gar nicht glauben mag angesichts der Tatsache, dass er mit seinem Herzensklub 1. FC Köln abgestiegen ist. Trotz seiner 18 Saisontore und neun Assists.
Zur EURO 2008 war der Angreifer nach einer trostlosen Reservisten-Saison beim FC Bayern zwar ausgeruht, aber ohne Selbstvertrauen angereist. Wie auch zwei Jahre später zur WM nach einer verkorksten Runde in Köln, als ihm nur zwei Saisontreffer gelungen waren. Beide Male hielt Joachim Löw ungeachtet aller öffentlicher Kritik an Podolski fest, "weil ich weiß, was ich an Lukas habe". Und stets dankte Podolski das Vertrauen mit einer Leistungsexplosion. 2008 sorgte er mit seinem Doppelpack gegen Polen (2:0) für einen Einstand nach Maß und spielte sich ins All-Star-Team, 2010 gelang ihm beim 4:0 gegen Australien gleichfalls der erste deutsche Turniertreffer. Von allen Trainern habe ihn Löw "am meisten vorangebracht", sagt Podolski.
In der Tat ist diese Beziehung eine besondere, schon deshalb, weil Löw in seiner sechsjährigen Amtszeit keinen Spieler öfter eingesetzt hat als Podolski. Der bestritt schon 2006 alle WM-Spiele in der Startelf, bei der EM 2008 ebenso, bei der WM 2010 fehlte er nur im Spiel um Platz 3. Und auch in der abgelaufenen EM-Qualifikation musste er lediglich im letzten Match gegen Bel-gien (3:1), als das EM-Ticket längst gelöst war, auf die Bank. Löw hat stets zu Podolski gehalten, auch wenn der außer Form war oder sich daneben benahm wie bei der Ohrfeige gegen Kapitän Michael Ballack vor gut drei Jahren in Wales.
Kontinuität unter Löw

Unter Joachim Löw eine feste Größe: Lukas Podolski spielt immer im DFB-Team auf der gleichen Position.
Der ewige Poldi. Keine Personalie verdeutlicht anschaulicher, wie wenig sich Löw in seinen Planungen vom Handeln seiner Kollegen in den Bundesliga-Vereinen beeinflussen lässt. Podolski spielt bei ihm immer, und immer auf derselben Position - auf dem linken Flügel hinter der einzigen Spitze. Seit drei Jahren schon, seit Löw zur Erkenntnis kam, dass es besser ist, mit nur einer Spitze zu agieren. "Ohne Ball in vollem Tempo in die Tiefe zu gehen, dass ist Lukas' Stärke in der Nationalmannschaft. Da hat er bei uns viele Tore gemacht und vorbereitet", verdeutlicht Löw seine Sichtweise. Er bezeichnet Podolski gar als den "Spieler mit dem größten Offensivpotenzial". In Köln, wo er teilweise in vorderster Front ran musste, teilweise dahinter Angriffe einleiten und abschließen sollte, sei er seiner Stärken beraubt worden. "Wenn er das Spiel ohne Ball beherzigt, gibt es wenige, die ihn aufhalten können", sagt Löw, "und wir haben die Spieler, die ihm den Ball in die Schnittstellen spielen können." Mesut Özil zum Beispiel oder Toni Kroos. Oder Miro Klose, der schon 2004 dabei war, als Podolski sein EM-Debüt gab. In all den Jahren hat der Lazio-Stürmer dem künftigen Londoner elf von dessen 43 Länderspieltoren aufgelegt.
Löw hat sich seinem Lieblingsschüler in der vergangenen Woche in besonderer Weise gewidmet. Drei Tage lang ließ er den Ballverliebten gar nicht auf den Trainingsplatz und gab ihn in die Obhut des amerikanischen Fitness-Guru Mark Verstegen. "Lukas hat wahnsinnig motiviert gearbeitet und die richtigen Reize bekommen", urteilte Löw danach. Und mehr noch als über die Fortschritte im physischen Bereich erfreute er sich darüber, dass Podolski den Kölner Abstiegsballast über Bord geworfen hat: "Er lacht wieder. Er ist auf dem Weg, der alte Lukas zu werden."
Wechsel zu Arsenal als zweite Chance
Der alte Lukas? Wer Podolski in diesen Tagen verfolgt, der gewinnt eher den Eindruck, dass da einer zu neuen Ufern aufbricht, jetzt, da er sich mit dem Wechsel zum FC Arsenal seiner Kölner Fußfesseln ein zweites Mal entledigt hat. Söhnchen Louis (4) hat da noch mehr Probleme, die vergangenen Wochen aufzuarbeiten. "Das mit dem Abstieg muss ich ihm noch erklären", unkt Podolski, "und er fragt noch dauernd, warum er jetzt nach London muss".
Podolski selbst empfindet diesen Wechsel zum Tabellendritten der Premier League als zweite Chance, seiner Karriere auf Vereinsebene einen internationalen Anstrich zu verpassen. Der Wechsel 2006 zum FC Bayern kam für den damals 21-Jährigen zu früh, jetzt fühlt er sich gewappnet für die Champions League - auch wenn er nur ungefähre Vorstellungen davon hat, was ihn bei Arsene Wenger erwartet. "Ich war noch gar nicht in London", sagt er. Die ganzen Umzugsmodalitäten werde seine Frau Monika regeln, während er bei der EURO spielt.
Diese EM ist für Podolski etwas Besonderes, weil er zurückkehrt in sein Geburtsland, in dem er sich großer Beliebtheit erfreut, auch wenn er sich schon in jungen Jahren für eine deutsche Länderspielkarriere entschieden hat. Läuft alles nach Plan, wird der mit 95 Länderspielen nach Klose (114) erfahrenste deutsche EM-Fahrer während der EURO seinen 100. Einsatz bestreiten. Europaweit ist das in dem Alter noch keinem gelungen, weltweit schafften das auch erst sechs Spieler, angeführt von Bum-Kun Cha für Südkorea, der der Einzige war, der dieses Jubiläum vor seinem 25. Geburtstag feierte.
Dino mit 26. Das ist ein Beleg für Podolskis Ausnahmestellung, für eine starke Karriere, der freilich die Krönung fehlt. Podolski weiß das, und deshalb kommt die Antwort auf die Frage, was er für eine erfolgreiche EM bräuchte, blitzartig: "Titel. Nix anderes."
Oliver Hartmann

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